Donnerstag, 22. April 2010

Fallstudien des Spiegels unserer Gesellschaft als Armutszeugnis und Hoffnung zugleich...

Immer wieder erstaunt mich doch, wie wenig gute Manieren oder einfache Höflichkeitsfloskeln in unserer Gesellschaft etabliert sind. Entgegen weit verbreiteter Vorurteile ist dies kein Phänomen der Jugend, der Ungebildeten oder der untersten sozialen Schichten. Im Gegenteil, dieses Phänomen zieht sich durch alle Altersklassen, alle Bildungssparten und alle soziale Schichten. Zugegeben, ich hatte schon früher diesen auf Beobachtungen gegründeten Gedanken, doch seit ich Inhaber einer Buchhandlung mit dazugehörigem Antiquariat und integrierter Postagentur bin, verfestigt sich dieser Gedanke mehr und mehr – leider empirisch durch eine Vielzahl von Fallstudien begründet. Und das Tragische an diesem fast satirisch anmutenden Beitrag ist, dass es sich um fast die Hälfte der Menschen handelt, mit der ich täglich auf welche Art auch immer zu tun habe.

Ich verlange ja gar nicht, dass jemand, der ein Geschäft betritt so viel Größe hat, dass ein freundlicher Gruß oder zumindest ein Lächeln über die Lippen kommt. So viel will ich der armen gestressten Menschheit nun doch nicht zumuten. Aber ich denke, dass ich durchaus erwarten kann, dass mein freundliches „Guten Morgen“, „Guten Tag“, „Guten Abend“ oder einfach nur „Hallo“ zumindest erwidert wird und man mich dann nicht einfach nur schweigend anstarrt.

Ein weiteres Defizit der heutigen Zeit, das ist die schleichende Etablierung des coolen Weglassens von „Bitte“ und „Danke“. Nein, nicht nur bei jungen Obercoolen, sondern auch insbesondere bei älteren Damen und Herren. Und wenn dann die Artikulation des Wunsches mehr einem harschen Befehlston als einem Wunsch gleicht oder besagte Artikulation derart von oben herab kommt, dass man denkt, man hätte mindestens einen Halbgott vor sich (und die Prüfung besagter Göttlichkeit der Realität nicht stand hält), dann beginnt man sich doch schnell ob des Vorhandensein der sogenannten „Kinderstube“ zu fragen.

Von Fäkalsprache und ähnlichem beginne ich hier nun mal nicht zu schreiben, denn möglichweise könnte sich so mancher ortsansässige Verbalkrawallmacher wieder erkennen. Es sei nur gesagt, dass mir die ungeahnten Ausmaße der Qualität und der Quantität der Fäkalsprache bei weitem nicht bewusst waren und dies, obwohl ich während meines Studiums im Obdachlosenheim gearbeitet habe. Dort habe ich allerdings Menschen kennen gelernt, die trotz ihrer Positionierung außerhalb der Gesellschaft und Ihrer Stigmatisierung als Asozialer, Penner oder sonstigem, mehr Herz und Größe hatten als so manches andere vordergründig akzeptierte Mitglied der Gesellschaft. Damit will ich sagen, dass mancher der dortigen Randfiguren um einiges freundlicher war und auch weit mehr Höflichkeit besaß, als die Quantität der Menschen, die auf andere herunter schauen und sich durch Ihr Benehmen doch selbst in das abseitigste gesellschaftliche Abseits stellen.

Nachdem der nächste Unflat (egal ob alt oder jung, im Anzug oder in Jeans) ohne Erwiderung des freundlichen Grußes und ohne ein dankendes Bitte oder ein bittendes Danke von dannen gezogen ist, lächle ich nur müde ich mich hinein, sicher jedoch auch für andere sichtbar. Zwar leicht traurig über solch gesellschaftliche Armut, aber auch irgendwie froh, dass diese Ärmsten der Armen noch nicht die Oberhand in unserer Mitte gewonnen haben. Denn dieses Lächeln wird vom Nächsten vielleicht erwidert…

9 Kommentare:

Pauls-wunderwords hat gesagt…

Ja, gerade im Einzelhandel ist ja alles vertreten. Manchmal ist es aber auch nur die Unsicherheit und das fehlende Selbstbewusstsein der Menschen, die sie selbstverständliche Dinge nicht sagen lassen. Und manchmal ist es in der Tat Unhöflichkeit und Arroganz.

Wenn man da drüber stehen kann, ist es sehr interessant, dies zu beobachten.

Gruß aus Hamburg

Hexe hat gesagt…

Komisch, ich muss sagen, in meiner Umgebung scheint ein Paradies zu sein denn die meisten Menschen können noch Bitte und Danke sagen. Auch guten Tag oder ein anderer freundlicher Gruß ist immer zu hören. Ich selbst sage auch z.B. dem Busfahrer guten Morgen wenn ich einsteige.
Als Kind habe ich noch gelernt einen Knicks zu machen wenn ich in einen Laden usw. kam. Na ja, ich bin ja auch schon 56 und die Zeiten waren anders.
Was mich oft ärgert ist, dass im Bus Niemand mehr für ältere oder behinderter Menschen einen Platz frei macht. Und ich denke, das kann man auch von 35 jährigen noch erwarten wenn eine alte Frau mit Stock sonst stehen müsste. Auch Mütter mit Kinderwagen bekommen selten geholfen. Hier muss ich mal die jungen Türken loben, die springen oft von selbst auf.

Aber du hast Recht, dieses unhöfliche Verhalten vieler Menschen spiegelt den Verfall unserer Gesellschaft wieder.

Seb. hat gesagt…

Und ich wette, du gibst für diesen Verfall zurecht die Hauptschuld den Achtundsechzigern^^

Heinz-Peter Heilmann hat gesagt…

Paul, in der Tat - mit der gewissen Distanz ist es wirklich manchmal amüsant. Obwohl es eigentlich nur bemittleidenswert ist.

Hexe, ich höre öfter, dass dies wohl ein regionales Problem sei und wehre mich (noch) dies zu glauben. Das mit dem Aufstehen für Ältere ist mir auch schon aufgefallen. Wirklich übel. Aber gleichzeitig fallen auch viele ältere Menschen durch unhölfliches respektloses Verhalten gegenüber Jüngeren auf.

Seb., das hast Du recht. Die Achtundsechziger haben einen längerfristigen Veränderungsprozeß in Deutschland ausgelöst, der der Gesellschaft massiv geschadet hat. Das Ende vom Lied ist eine nur dem eigenen Nutzen zugewendete und entwertete Gesellschaft. Das macht mich traurig und wütend zugleich.

Seb. hat gesagt…

Meinst du, daß das noch schlimmer wird?

Heinz-Peter Heilmann hat gesagt…

Ja, das wird noch schlimmer werden. Die Achtundsechziger und ihre Erfüllungsgehilfen haben ihr Werk noch nicht vollendet. Mittlerweile regt sich aber - gottseidank - tätiger Widerspruch.

schatten_rabe hat gesagt…

Die "soziale Kommpetenz" ist meiner Meinung nach auch im Individualisierungswahn verloren gegangen.
Heuer haben sich die meisten sozialen Normen in Luft auflösen. Freundschaften sind wie Treibgut geworden, was man schnell abstoßen kannst.
Das ist eben der Aktuelle Zeitgeist, so ist man dann Cool und Trendy und super Stark. Und natürlich auch frech. Solange sowas wie frech sein in der Öffentlichkeicht als positiv beworben wird, darf man sich nicht wundern wenn die Gesellschaft so ist wie sie ist.
Bleibt z.B. die Frage: Warum wird von einem 35.jährigen im Bus nicht auch erwartet für einen alten MANN mit Stock bzw. für einen VATER mit Kinderwagen aufzustehen? Was sagt uns das?

Kerstin D hat gesagt…

Ich oute mich mal als "inoffizielle" Leserin Deines Blogs. Ab und zu klicke ich mal rein.
Über Deinen neuesten Eintrag habe ich mich (so traurig es auch ist) gerade königlich amüsiert.
[...]"dass mein freundliches „Guten Morgen“, „Guten Tag“, „Guten Abend“ oder einfach nur „Hallo“ zumindest erwidert wird und man mich dann nicht einfach nur schweigend anstarrt." Ich schmeiß mich weg... Das kenne ich nur zu gut. Wie beruhigend, dass nicht nur mir so etwas unangenehm auffällt...

Heinz-Peter Heilmann hat gesagt…

Schatten_rabe und kerstin_d, ich danke Euch für Eure netten und bestätigenden Einträge.

Es wird in diesem Land absolut Zeit, dass sich etwas ändert, dass Werte und Benhemen zurückkehren und man sich dieser unsäglichen anonymisierenden Tendenz entgegentritt.