Jeder zweite Deutsche solidarisiert sich derzeit mit Thilo Sarrazin und etwa 18 Prozent würden sogar sofort seine Partei wählen, so die Umfragen der letzten Tage. Dabei ist diese Welle der Solidarität gar nicht mal auf seine streckenweise heftig diskutierten Thesen zurück zu führen, denn die wenigsten Personen – egal ob Unterstützer oder dämonisierender Ablehner – haben sich damit wirklich auseinandergesetzt.Diese Menschen sind empört über den öffentlichen Umgang der Mächtigen aus Politik, Presse etc. mit Herrn Sarrazin und fragen sich, was denn die Worte über Meinungsfreiheit unseres Grundgesetzes überhaupt noch wert sein sollen, wenn jede nicht in die vorgegebenen politisch korrekten Denkschablonen passende Meinung umgehend sanktioniert wird.
Zum Anderen haben es viele Bundesbürger einfach satt, dass in dieser Republik über viele Themen kein freier Diskus stattfinden kann, ohne dass die Diskutanten umgehend zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt werden, was in diesem Land einer Erklärung zu Vogelfreien gleichkommt.
Zum Dritten sehen die Menschen die große Diskrepanz zwischen ihrer Meinung, ihren Wünschen, ihren Anliegen und der Politik, die gewählten Politiker betreiben. Dazu ein beispielgebender Satz aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776:
Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit. Daß zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; daß sobald einige Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volkes ist sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket.
Das erste Mal seit Jahrzenten ducken sich die Menschen in der Bundesrepublik nicht aus Bequemlichkeit und Angst weg, sondern beziehen offen Stellung gegen Tabuisierungen, gegen die Political Correctness und gegen „vorgedachte Meinungen“. Das erste Mal wird übergreifend nicht die Meinung der „Mächtigen“ nachgeplappert, sondern selbst gedacht, überlegt und hingesehen.
Die Thesen und das Buch von Sarrazin (die sich gerade bei vielen sehr gut integrierten ausländischen Mitbürgern in der BRD großer Beliebtheit erfreuen!) sind in diesem Prozess eher drittrangig. Viel wichtiger ist der entstehende Prozess in der Mentalitätenveränderung, so dass die freie und offene Diskussion angestrebt wird und man nicht mehr bereit ist, Floskeln wie „Das darfst Du nicht sagen!“ oder „Das ist eben so!“ oder „Darüber diskutiert man nicht!“ zu akzeptieren.
Man kann noch nicht sagen, was es ist und wie weit es gehen wird, aber es geschieht momentan etwas in diesem Land. Und was geschieht scheint von so großer mobilisierender und kollektiver Kraft zu sein, dass die Mächtigen und „Meinungshegemonisten“ zu schwitzen beginnen…






