Montag, 6. Oktober 2008

Das Faszinosum des Schrecklichen – des Boulevardjournalismus liebstes Kind

Nächstes Jahr feiert einer der bekanntesten deutschen Presseskandale des 20. Jahrhunderts seinen 25. Geburtstag. Die Rede ist von den „Hitler-Tagebüchern“, welche im Jahre 1984 über Wochen die Schlagzeilen beherrschten und als große Sensation gewertet wurden. Konrad Kujau hatte die Tagebücher in akribischster Kleinarbeit gefälscht und Gerd Heidemann hatte sie dem Verlag der linksliberalen Zeitschrift Stern für Millionenbeträge verkauft. Für die beiden Chefredakteure der eigentlich als seriös geltenden Zeitschrift, Felix Schmid und Peter Koch, war dies ein gefundenes Fressen, das dem Blatt eine enorme Auflagensteigerung bescheren sollte. Unterstützt wurden Sie vom Verlagschef Gerd Schulte-Hillen, mit dem nunmehr die gesamte Chefetage des Stern hinter dem journalistischem Reißer stand. In blinder Gefolgschaft trieb das gierige Publikum die „Story“ zu ungeahnten Höhen – und entsprechend tief war dann der Fall, als sich die bisher unbeteiligte Wahrheit zaghaft eingemischt hatte. Nachdem der Skandal nunmehr aufgeflogen war, bekamen Kujau und Heidemann zwar Gefängnisstrafen, die Chefredakteure dagegen verabschiedeten sich und bekamen Millionenabfindungen, und der Verlagschef blieb im Amt und machte dort und an anderer Stelle weiter Karriere.

Die beteiligten Journalisten und auch das Publikum unterlagen einem Rausch der Geschichte. Sollte der Dämon Hitler tatsächlich Tagebücher geführt haben? Müsse nun die deutsche Geschichte umgeschrieben werden? Faszination und Schrecken mischten sich auf eine sensationsgierige reißerische Art und Weise und ließen jeden entfernten Zweifel absterben. Unterstützt wurde das Ganze auch dadurch, dass renommierte Historiker, wie beispielsweise Prof. Eberhardt Jäckel, die Tagebücher als unzweifelhaft echt einstuften. Unkritisch hatte die „Droge Sensation“ alle in Ihren Bann gezogen.

Ob die bundesdeutsche Presse oder die Mehrzahl der deutschen Intellektuellen etwas aus dem Skandal gelernt haben, das wage ich zu bezweifeln. Gerne greift man nach wie vor in bestem Boulevardniveau jedes noch so kleine Skandälchen auf und klammert sich an dessen spärliche Halme. Wohl wissend in Kauf nehmend, dass besagte kleinste Hälmchen in der richtigen Nährlösung schnell Blüten treiben und zu handfesten Skandalen heranwachsen können. Menschliche und journalistische Opfer werden terroristischen Gepflogenheiten gleichkommend dann schnell in die Peripherie des Kollateralschadens verbannt, sofern die Pläne nicht aufgehen.

Doch das größte Opfer dieser Verbalanschläge ist leider auch der eigentliche Täter, nämlich das lesende (unkritische) Publikum. Ökonomischen Grundsätzen folgend spielt es dem Sensationsjournalismus und der Boulevardpresse bestens in die Hände und wartet gierig darauf, bis der nächste Hufnagel des manifestierten Beelzebub gefunden wird.

Die systematischen Mechanismen funktionieren einwandfrei und die meisten Menschen nehmen gerne ihre Rolle als Spielfiguren auf diesem eigentlich perversen Schachbrett an. Traurig, aber wahr.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Solange es Dummheit unter den Menschen gibt, solange passt sich das Angebot eben an.

Heinz-Peter Heilmann hat gesagt…

Was kann ich da anderes dazu sagen, als dass die Nachfrage das Angebot bestimmt...und Sie deswegen wahrscheinlich leider Recht haben könnten.

Anonym hat gesagt…

Korrekt.

Heinz-Peter Heilmann hat gesagt…

Und was sagen andere dazu?

Frau Rossi hat gesagt…

Meine Meinung zur Presse kennst Du ja...

Jelemania hat gesagt…

Ich habe mit dem Wort Dummheit ein kleines Problem!
Würde lieber Unwissenheit dazu sagen!

Aber manchmal denke ich bei dir, wenn du solche Artikel schreibst, dass du das auf die aktuellen Geschehnisse beziehen möchtest.
Dem Verantwortlichem ist nichts passiert; er durfte weiterarbeiten!
Dem Hypo-Chef wird es genauso gehen. Wenn er gehen würde, bekäme er monatlich eine stadtliche Summe.

Heinz-Peter Heilmann hat gesagt…

Ja, Tanja, Deine Meinung kenne ich. Die ist nicht allzu anders als Meine...

Ja, Jelena, Du hast recht. Ich beziehe oft Artikel peripher auf aktuelle Geschehnisse. Das ist die leider immer währende Aktualität bestimmter Thematiken. Dummheit als Komplettbegriff mag unzureichend sein, spielt aber bei vielem die beschriebene Rolle. Unwissenheit ist sicher besser formuliert.