Vor wenigen Tagen sah ich auf arte die Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiographie „Mein Leben“. Da mir seine Autobiographie als Buch wirklich gut gefallen hatte, war ich auf den Film gespannt und hatte große Erwartungen an die Verfilmung eines Lebens, das als Dokument deutscher Zeitgeschichte gelten kann. Leider konnte der hochgelobte Film besagte Erwartungen nicht erfüllen.
Dass der Film vom Buch öfters abweicht, das ist nichts Ungewöhnliches im cineastischen Alltag und kann als künstlerische Freiheit von Regisseur und Produzent gesehen werden. Dass man aber auf wirklich wichtige und das Leben prägende Ereignisse verzichtet hat und den Fokus der Films fast ausschließlich auf die Zeit des Nationalsozialismus einstellt, dass ist eine verpasste Chance, sich dem kontroversen Leben einer Person der Zeitgeschichte anzunähern. Besonders enttäuschend ist dabei, dass der Film mit Beginn der Tätigkeit als Kritiker (die im Buch ausführlich behandelt wird) abrupt endet, obwohl dieser Abschnitt des Lebens von Reich-Ranicki mit Sicherheit nicht weniger interessant wäre, als die Vorgeschichte dazu.
Während diese vornehmlich cineastischen Kritikpunkte den Film als bestenfalls mittelmäßig erscheinen lassen, sticht ein inhaltlicher Punkt besonders hervor. Meines Erachtens wird Reich-Ranickis zu intellektuell, zu gebildet und zu höflich dargestellt.
Zugegeben – der Literaturpapst, zu dem besser der Begriff Literaturflegel passen würde, wird im journalistischen Bild der deutschen Öffentlichkeit stets positiv und fern jeder Kritik dargestellt. Daran ist man längst gewohnt, ebenso wie an die Tatsache, dass er sich immer etwas weiter aus dem Fenster lehnen kann wie andere Menschen, dass man ihm mehr durchgehen lässt als anderen und er sich in einer Art unangreifbarer Blase in der Wirklichkeit befindet. Dies ist bekannt und fällt jedem des Sehens und Verstehens mächtigen Beobachter auf, der sich damit auseinandersetzt.
Die Diskrepanz zwischen dem Reich-Ranicki im Film und dem in der Wirklichkeit, diese könnte aber nicht größer sein. Im Film wird ein feingeistiger, intellektueller, gefühlvoller und höflicher Mensch gezeigt, der hervorragende Umgangsformen aufweist und ohne Umschweife als gediegener Feingeist bezeichnet werden kann. Die Wirklichkeit dagegen bietet einen Reich-Ranicki, der wenig intellektuell wirkt, sich oft intolerant, grobschlächtig und unhöflich gibt und andere Menschen respektlos behandelt. Zudem fällt die äußerst gewählte Ausdrucksweise der Filmfigur auf, die in starkem Kontrast zu der oftmals von Kraftausdrücken strotzenden Fäkalsprache des echten Reich-Ranickis steht.
Und so groß mein Respekt vor dem (Über)Leben Reich-Ranickis im Dritten Reich ist, so unpassend wirkt die Darstellung seiner Person im Film, die sich perfekt in das glorifizierende Bild eines Menschen in der Öffentlichkeit einfügt, das mit der Realität wenig zu tun hat.
Film und Mensch wirken dabei wie mediale Kunstprodukte oder überzeichnete literarische Figuren ohne den Anspruch des Bestehens vor der Messlatte der Wirklichkeit.